Die skurrile Geschichte von der Wolkenstein‘schen Regenvilla …

Beim Stöbern in einem alten Archiv für mysteriöse Vorfälle stieß ich auf eine kuriose Immobilie, die ich meinen Lesern nicht vorenthalten möchte. Es handelt sich um die Wolkenstein‘sche Regenvilla.

Die Regenvilla ist ein prächtiges Anwesen in Norddeutschland. Sie umfasst sechsundzwanzig Zimmer, in denen sich hin und wieder spontan die Decke bewölkt und es nicht selten zu Niederschlägen, örtlichen Schauern oder Wolkenbrüchen kommt.

Cirrus von Wolkenstein lies das Haus Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts für sich und seine neu gegründete Familie errichten. Als Mann von exquisitem Geschmack und prall gefülltem Geldsäckel, scheute er keine Kosten, weshalb er eigens aus Britannien Ziegelsteine importierte, die aus Lehm und Silberiodid gebrannt wurden, was ihnen einen besonderen rötlich-silbrigen Schimmer verlieh.

In der Nacht des 4. April im Jahre 1906 sollten die Steine per Schiff nach Deutschland transportiert werden, doch die Fracht geriet in ein schweres Unwetter. Mit knapper Not konnte das Schiff den Naturgewalten entkommen und Wolkensteins Backsteine erreichten doch noch ihren Bestimmungsort.

Nach einer Bauzeit von vierzehn Monaten war die Villa vollendet und allerorten beglückwünschte man Cirrus zu seinem vortrefflichen Geschmack. Sechs Wochen nach dem Einzug nieselte es zum ersten Mal in der Speisekammer für etwa sieben Minuten. Eine Woche danach gab es einen Platzregen im Billardsalon. Untersuchungen der Decke haben nichts ergeben, doch im Nachhinein vermutete man einen Zusammenhang zwischen dem Silberiodid und dem Unwetter auf See.

Man wusste einfach nicht, wie man den Regen verhindern sollte. Teilweise hörte es nach wenigen Minuten wieder auf, aber manchmal regnet es tagelang ohne Unterbrechung. Einzig im Badezimmer blieb es immer trocken, was Cirrus nicht ohne ein gewisses Maß an Humor zur Kenntnis nahm. Manchmal, wenn es besonders kalt war, konnte sich in den Zimmern der oberen Stockwerke auch Schnee bilden, was in einem langen Winter durchaus eine gewisse Lawinengefahr hervorrief, sofern man nicht regelmäßig räumte.

Cirrus versuchte das Beste aus seiner Situation zu machen. Er ließ überall Abflüsse installieren und kaufte ausschließlich Möbel, die aus geteerten Schiffsplanken gefertigt wurden. Wohlhabend wie er war, konnte er es sich leisten, einen Wissenschaftler zu beschäftigen, der ihm jeden Tag einen exakten Wetterbericht anfertigte, so dass er immer wusste, in welchem Raum er sich aufhalten konnte, ohne von einem Regenguss überrascht zu werden. Der Versuch, eine Art Vorläufer der Fussbodenheizung zu installieren, konnte keine Abhilfe schaffen und hatte lediglich zu extremer Nebelbildung geführt.

Cirrus Frau, Regina (ironischerweise vom Sternzeichen Wassermann), deren Gemüt durch die Situation ohnehin schon stark belastet war, erlitt auf einer ihrer berühmten Teegesellschaften einen Nervenzusammenbruch, als nicht nur sie und ihre Damen von einem Unwetter im Salon überrascht wurden, sondern dieser Umstand auch noch dazu führte, dass faustgroße Hagelkörner das kostbare Teegeschirr aus feinstem Porzellan zerschlugen. Regina konnte in diesem Haus nicht mehr leben, doch Cirrus weigerte sich, seinen Traum aufzugeben. Regina verließ die Regenvilla und Cirrus lebte die nächsten zwanzig Jahre alleine darin.

Eines Tages bekam Cirrus, durch die ständige Feuchtigkeit starkes Rheuma. Er zog noch am selben Tag aus und bot das Haus zum Verkauf an. Da die Kosten für die ständige Trockenlegung des Untergeschosses, Schneeschippen in den oberen Geschossen, sowie den täglichen Wetterbericht immens waren und man wegen der Feuchtigkeit auch keine Elektrizität verwenden konnte,  wollte niemand die Wolkenstein‘sche Regenvilla haben und sie stand jahrelang leer.

In den Wirtschaftswunderjahren wurde die Villa von der Firma Friesenglück & Söhne  aufgekauft, die Regenbekleidung für Fischer und Regenbekleidungsliebhaber herstellte. Viele Jahre wurde darin die Wetterfestigkeit neuer Produkte getestet. Dann aber hat die Firma eine neue Strategie vertreten bei der es egal war, ob die Kleidung qualitativ vor Nässe schützt, solange nur die Werbung gut war.  Somit wurde das Haus wieder nutzlos. Bis zum heutigen Tag hat die Regenvilla nicht mehr als zwölf verschiedene Imobilienmakler in den Ruin getrieben, da sich einfach kein Käufer finden wollte.

Da man das Anwesen sehr günstig bekommen konnte, habe ich mich entschlossen, die Wolkensteinvilla zu kaufen und die einzelnen Zimmer an Meteorologiestudenten zu vermieten. Wer Interesse hat, kann sich gerne ab sofort bei mir melden.

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